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Neues aus der Welt der KI-Robotik
02/2024
Warehouse Automation
Fotocredits: Unsplash

Ein Blick in die Zukunft: Die deutsche Produktion & Logistik in 10 Jahren

Bei allen aktuellen Herausforderungen, Sorgen und Prognosen für die deutsche Produktion und Logistik stellt sich die Frage: Wie wird die deutsche Industrie in 10 Jahren aussehen? In Teil 3 unseres unseres Experteninterviews wirft Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner, Universitätsprofessor für Technische Logistik an der TU München, einen Blick in die Zukunft.

INTERVIEW

Sie haben die ersten beiden Teile des Experteninterviews verpasst? Kein Problem:

Hier geht’s zu Teil 1: Die 3 größten Herausforderungen in Produktion und Logistik

Und hier können Sie Teil 2 lesen: So profitieren Produktion & Logistik von KI

Maurice Brodhun: "Bei all den Chancen und Möglichkeiten - was würden Sie sagen: 5 Jahre in die Zukunft, was für eine Relevanz werden KI und KI-Robotik in der Produktion und Logistik haben?"

Prof. Dr. Fottner: "Ich möchte nochmal positiv anfangen und sagen ich glaube, dass wir manchmal schon ein wenig unterschätzen, wie weit wir bereits heute den Einsatz bringen. Ich bin immer etwas konservativ und vorsichtig, denn wir haben es schon durchaus häufiger geschafft. Auch bei KI in den 90ern – dadurch, dass wir viel zu viel verlangt haben von der neuen Technologie – den Enttäuschungsgrad so hochzufahren, dass die Technologie daran gestorben ist. Das wäre schade, denn die Mächtigkeit dieser neuen Technologie – dazu gehört auch KI – ist schon enorm. Wenn wir uns heut anschauen, wo wir das einsetzen, in manch einem Abstandstempomaten arbeiten wir mit Bilderkennung, erkennen also was davor sich geht und erkennen auch, wie sich das verändert. Das ist der erste Schritt. Wir haben Sicherheitssysteme heute in der Intralogistik, in Gabelstaplern bzw. vielen Bereichen, wo wir unterscheiden können: haben wir jetzt hier ein “Ziel”, was ein Mensch ist, wo wir sehr frühzeitig warnen müssen? Also wir gehen da schon einen sehr guten Weg. Ganz speziell die Mustererkennung, das Erkennen von Artikeln, wo muss ich hin greifen, das ist alles bereits ein Einsatzfall von KI. Da haben wir in der Logistik ja noch ein schönes Thema, das so genannte “Mixed Case Paletizing” Problem. Ein mathematisch nicht lösbares Problem des Kommissionierens und Verpackens von Artikeln auf Paletten, die völlig unterschiedliche Größen haben. Auch da in der Verpackung, wenn wir heute wirklich gut optimieren, können wir tolle Lösungen finden, die es uns erlauben sehr effizient zu transportieren und weiter zu arbeiten. Also wenn man an der Stelle mal einfach auf den aktuellen Stand blickt und dann das Ganze vielleicht ausweitet über 5 Jahre, dann kann man sagen es ist ein guter Start, den wir gehen. Es werden immer etabliertere Lösungen, immer sicherere Lösungen sein. Die Kunst besteht darin, mit den richtigen Daten das Richtige anzustellen und da muss man sich oft auf sich selbst verlassen, denn leider ist die größte unserer Datenquellen inzwischen ein wenig unzuverlässig: Im Internet gibt’s einfach schon ein bisschen viele Fehler. Ja und wo kriegt man die besten Daten her? Das gilt auch für uns Menschen: Wenn man sich selbst beobachtet. Da möchte ich wieder zurück zum Selbstoptimieren aber auch Prozess optimieren. Einfach von Systemen, die uns im Alltäglichen operativen Geschäft innerhalb der Logistik und innerhalb der Produktion und innerhalb des Handhabens von Gütern begleiten. Wenn wir uns ein wenig beobachten, dann werden wir plötzlich Dinge automatisieren können, die heute dafür noch zu komplex sind."

Maurice Brodhun: "Spulen wir noch 5 weitere Jahre vor + Stichwort Fachkräftemangel. Schafft Deutschland die Wende in 10 Jahren? Werden wir eine effiziente Produktion/Logistik haben oder ist das Thema noch vorherrschend?"

Prof. Dr. Fottner: "Ach, also ich habe vor 15 Jahren schon meinen MitarbeiterInnen immer gesagt “Wenn wir einen Zustand erreichen, wo wir alle zufrieden sein können und nix mehr verbesserbar ist, dann geh ich aufn Schlag in Ruhestand” -  und ich bin bis heute überzeugt ich gehe in den Ruhestand, wenn es das Gesetz für mich vorsieht und dann ist immer noch genügend Optimierungspotenzial. Aber vielleicht ein bisschen eine klarere Antwort: Ich glaube, dass wir viel erreichen werden in den nächsten 10 Jahren. Ich fürchte, dass wir absolut erkennen werden, dass unserer Stärke in der Verbindung zwischen etwas entwickeln, herstellen und vermarkten liegt und zwar in allen drei Teilen. Ich meine damit, dass die Wertschöpfung bei uns von großer Bedeutung weiterhin sein wird. Zurück zur Frage: Wir MÜSSEN das Problem lösen. Wir MÜSSEN schauen, wie wir hinkommen. Wird das dadurch passieren, dass wir verstärkt automatisieren und autonomisieren? JA! Wird das die einzige Lösung sein? NEIN!

Wir müssen weiterhin dafür sorgen, dass wir eben nicht nur hochkluge Doktoranden auf dieser Welt haben, sondern genauso kluge Facharbeiter und die müssen wir schätzen und nutzen. Denn wir als Menschen und da würde ich jetzt sagen für die nächsten 50 Jahren - wir haben so tolle Fähigkeiten, die kann man für normales Geld nicht komplett in eine Maschinen transferieren. ABER wir können uns supporten lassen durch Technologie und damit eben nicht nur immer die Greifmaschine, der Roboter, das Transportgerät sondern eben auch das EAP System, die Organisation, die Prozessgestaltung, die Prozessoptimierung - wenn wir da effizienter sind, dann haben wir schonmal einen großen Vorteil. Dann glaube ich kann man auch mit etwas weniger Menschen klarkommen. Wir müssen aber wirklich dafür sorgen, dass wir auch wieder mehr Menschen motivieren und das ist ein gesellschaftliches Phänomen: dass etwas zu tun, etwas operativ durchzuführen in keiner Weise schlechter ist, als großer Manager oder Wissenschaftler zu sein."

Autor
Maurice Brodhun
Head of Marketing